Leseprobe aus: Das Leben neu lernen
von Kunibert und Roremarie Geiger

Ein Traum

Ich liebe mein weiches, kuscheliges Bett in unserem sonnendurchfluteten Schlafzimmer. Ich liege wach, sehe meine schlafende Frau neben mir, strecke meine Hand nach ihr aus, berühre sie zärtlich, spüre ihren Körper ganz eng an meinem. Sie zu lieben macht großen Spaß, wir lieben uns, sind eins und es ist schön und aufregend!
Danach schlüpfe ich in mein Fahrraddress, steige aufs Rad und radle über die steirischen Hügel. Die Sonne scheint und ich spüre sie auf der Haut brennen! Spüre jeden Muskel in meinem Körper. Kraft steckt in mir, mein Körper funktioniert perfekt, ich bin glücklich, richtig glücklich.
Ich radle weiter, sehe Menschen, Dörfer, alles ist mir vertraut, Geräusche, Gerüche und Farben! Jetzt muss ich mich anstrengen, es geht den Hügel bergauf, meine Beine gehorchen mir, mein Herz schlägt immer schneller und ich beginne zu schwitzen. Ich mag meinen Schweißgeruch, den die intensive Bewegung auslöst! Bergab spüre ich den Wind in meinen Haaren, der Schweiß trocknet wieder langsam und ich schlage den Weg nach Hause ein.
Zuhause angekommen, befreie ich mich vom Raddress, gebe Rosemarie einen verschwitzten Kuss. Sie kreischt und wehrt ab. Ich lache und laufe über die Treppe in das Badezimmer. Ausgezogen stelle ich mich unter den lauwarmen Wasserstrahl der Dusche, das Wasser perlt auf meiner Haut und nimmt den Schweiß davon. Ich könnte ewig so stehen und genießen, wie das Wasser über meinen großen, kräftigen Körper fließt. Mein kleiner Bauchansatz stört mich dabei nicht.
Nach der Dusche lasse ich meinen nackten Körper von der Luft trocknen und folge, nur in Badeshorts bekleidet, der schönsten Musik, die es gibt, nach unten in die Küche. Meine Tochter singt für mich. Ich nehme sie in meine Arme. Sie lacht mich an, ich werfe sie in die Luft, fange sie sicher mit meinen großen Händen wieder auf! Ich küsse sie, spüre ihre zarte Haut auf meinen Lippen. Ich knuddle und schnuddle sie. Ich liebe sie!
Doch halt! NEIN! Bitte nicht! Ich wache auf, mache langsam meine Augen auf, starre auf eine weiße Decke. Mein ganzer Körper schmerzt, ich kann ihn keinen Millimeter bewegen, meine verschleimte Lunge rasselt. Ich möchte schreien, um Hilfe rufen, doch jetzt weiß ich wieder, dass ich keinen Laut von mir geben kann, gefangen im bewegungslosen eigenen Körper. Oh Gott!
Was spüre ich jetzt? Das ganze Bett ist nass. Ich kann nicht einmal meinen Kopf heben, um zu sehen, was passiert ist. Doch aus Erfahrung weiß ich, dass dieses blöde Uridom (ist einem Kondom ähnlich) von meinem schlaffen Glied gerutscht sein muss und das ganze Bett mit meinem Urin überschwemmt hat. Es riecht scharf danach!

Hoffentlich bemerkt es bald jemand und errettet mich. Ich geniere mich, würde gern selber aufputzen und unter die Dusche laufen, mich aus dieser Lage befreien! Aber ich muss warten. Ich weiß, sie werden bald kommen, wenn sie bemerkt haben, dass ich meine Augen offen habe.
Ob sie wohl ahnen, dass ich noch vor einer Stunde über steirische Hügel geradelt bin?